"...ich weiß selbst nicht so genau."

von Martin Krauss

"Sie sprachen" von Christoph Grobe (aus Heuchelheim bei Gießen) ist ein 150 Seiten starker Text, der auf drei Handlungsebenen Liebesbeziehungen thematisiert. Die Ebenen wechseln meist mehrmals pro Seite: zwischen einem Liebespaar, einem zweiten und als dritte Erzählung zu einer Gruppe von vier bis fünf jungen Leuten. Die äußere Handlung erschöpft sich in Spaziergängen, Cafébesuchen, Unterhaltungen, Bettszenen u.s.w. In allen drei Fällen endet sie mit einem Aufbruch.

Titel und Klappentext, da ohne andere Angabe mutmaßlich vom Autor selbst verfaßt, verweisen auf andere Präferenzen. "Die Paare [...] versuchen ein Miteinander zu gewinnen, das ihnen Befriedigung gewährt. Und auch wenn das, was die Personen sagen, sich oft verliert, nebensächlich scheint, finden sie doch im Sprechen und über das Sprechen näher zueinander." Das klingt nicht nach einer aufregenden Botschaft. Und sehr wenig aufregend ist es auch, was die Personen einander zu sagen haben.

Die drei Handlungsstränge bieten wenig Abwechslung; die beiden, in denen lediglich ein Paar im Mittelpunkt steht, sind einander so ähnlich, daß der Leser manchmal schon ins Zweifeln gerät, wo er sich nun gerade befindet (nur in der Geschichte der vier bis fünf jungen Leute tragen die Menschen Namen). Die Personen bleiben weitgehend gesichtslos. Dieses Manko wird dadurch verschärft, daß Grobe für alle drei Ebenen je eine Urlaubssituation angelegt hat (wenn man das leider auch erst spät im Text erfährt). Das hat zur Folge, das alle über das ganze Buch offenbar nichts zu tun haben. Sie haben auch nichts zu sagen. Sie krebsen mühsam in Erinnerungen, Empfindungen, diffusen Wünschen und Träumen umher und bekämpfen die Langeweile. Der Leser auch.

Christoph Grobe hat sein Buch, das in gediegener Aufmachung daherkommt, im eigenen Verlag veröffentlicht. Die Probleme, einer solchen Konstellation treten in "Sie sprachen" offen zutage. Der Text hat offenbar leider nie einen Lektor gehabt. Dadurch sind viele formale und stilistische Schwächen zu konstatieren:

Grobe bemüht sich, im Grunde durchaus angebracht und oft gut gemacht, um eine genaue, detaillierte Wahrnehmung. Z.B. läßt er nicht einfach nur eine Person durchs Zimmer gehen, sondern beschreibt genau den Weg und die Haltung. Eigentlich eine Stärke seiner Prosa, wird dies zum Ärgernis, wenn er das mit verschachteltem Satzbau verwechselt. Redundanzen bleiben da nicht aus ("Es war eine selbstvergessene Bewegung, so als wäre es ihr nicht bewußt, was sie tat."), ebensowenig Wortwiederholungen. Zum Lesegenuß tragen durch unfreiwillige Komik die Bezugsfehler bei: "Er sah nach unten, um seine Füße zu betrachten. Sie bogen nach links in eine kleine Straße ein...", oder "Er zog einige Male an der Zigarette. Sie ging zu einer Ecke des Balkons...".

Oftmals lächerlich wirkt aufgrund der Leere das, was die Personen sprechen, sofern Grobe es überhaupt ausformuliert. Ausdrücke wie "Sie fügte leise etwas hinzu...", "Er sagte etwas", "Sie murmelte etwas" u.s.w. sind stereotype Symptome der Belanglosigkeit - die allerdings auch auf die wiedergegebene Rede zutrifft.

Also ist die innere Ebene die entscheidende? Leider auch dort ziemliche Fehlanzeige. Während Seren, der Ich-Erzähler der Geschichte mit der Gruppe, nicht ganz glücklich ist, weil er sich über seine Gefühle im unklaren ist und so wenig Leidenserfahrung hat, daß er es sich nicht vorstellen kann, Brot ohne Butter zu essen, wissen die anderen Personen auch nicht, was sie wollen. Der Satz "Ich glaube, ich bin in einer komischen Stimmung" ist kennzeichnend für das, was die Personen beschäftigt.

Problematisch ist auch die Erzählperspektive. Am klarsten ist diese noch in der Ich-Erzählung, wenn hier auch andere Ungereimtheiten den Zugang erschweren. Sonst beschreibt Grobe gleichsam aus Kameraperspektive, z.B. wie ein Mann auf einer Brücke steht und auf eine Frau wartet. Innere Handlungen umschreibt er dann mit "Vielleicht dachte er..." oder "Es sah aus, als ob...". Für die Vermittlung von Gedanken und Gefühlen eine nicht eben günstige Sichtweise.

"Sie sprachen" soll, oder will, auch erotisch sein. Die vielen entsprechenden Szenen bleiben allerdings spröde und erfüllen oft ebenfalls den Tatbestand der unfreiwilligen Komik. Das Gefühl der Peinlichkeit durch Lächerlichkeit begegnet dem Leser mehrmals.

Die "trostlose Langeweile" dominiert, selbst das Aufbruch-Ende aller drei Ebenen vermag keinen neuen Akzent zu setzen. Schwächen in der Konzeption und Umsetzung des Textes verderben die Intention, die Leere suggeriert, daß der Autor nichts zu sagen hat — aber so ist es nicht.

Es gibt nämlich in "Sie sprachen" durchaus Szenen, die von Atmosphäre durchweht sind, in denen zu ahnen ist, was Grobe eigentlich will. Momente mit Spannung zwischen Blicken, Situationen, in denen jede Bewegung bedeutsam wird. (Das sind nicht die erotischen Szenen). Wenn der Ich-Erzähler Seren die zurückgewiesene Anna in den Arm nimmt und hinterher aus dem Fenster spuckt, beginnen zum ersten (und fast einzigen) Mal die Personen Gesichter zu bekommen.

"Ich denke irgendetwas, ich weiß selbst nicht so genau." Dieser Satz, ausgesprochen von einem der Protagonisten, ist charakteristisch für das Buch. Es will ein melancholisches Lebensgefühl transportieren, es will über die Schwierigkeiten von echter Nähe zwischen einander vertrauten Menschen erzählen und über das Unmögliche, glücklich sein zu wollen als einziges Lebensziel. "Sie sprachen" scheitert in weiten Teilen daran, daß es zu befangen und zu abgehoben von der Realität ist, an der die Inhalte trefflich zu brechen gewesen wären, und endlich, daß es selbst nicht genau weiß, was es eigentlich will.

 

Christoph Grobe: "Sie sprachen" (Roman), Verlag Christoph Grobe, Heuchelheim 1998, 157 Seiten, 36,- DM, ISBN 3-9805906-1-5.