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Die Seele jüdischer Kultur

Lauterbacher Konzertbesucher im Bann faszinierender Klezmer-Musik

Von Gerhard Otterbein

In Anbetracht der Legende, dass Luzifer einst ein Engel war, könnte man in die Versuchung geraten und Yale Strom als "göttlichen "Teufelsgeiger" bezeichnen. Der Begriff ist ein Widerspruch; Stroms Geigenspiel im voll besetzten Saal des Lauterbacher "Posthotels Johannesberg" verleitet aber hierzu. Wenn ein Mensch derart sein Instrument beherrscht, dann muss er diese Gabe von einer höheren Macht erhalten haben, lauten begeisterte Zuschauermeinungen. Der New Yorker Strom war nicht alleine der zweiten Einladung des Veranstalters Lauterbacher Kulturverein gefolgt. Das irdische Konzert mit himmlischen Klezmer-Klängen, bei denen die Seele jüdischer Kultur zum Greifen nah erschien, war auch ein Verdienst von Sängerin Elisabeth Schwartz und Akkordeon-Virtuose Peter Stan. "Borscht with Bread, Brothers" heißt die aktuelle CD von Yale Strom & Hot Pstromi, woraus das Trio im 90-minütigen Konzert einiges zum Besten gab.
Auch wenn die Texte nicht verstanden wurden: Der Inbegriff der Klezmer-Musik kam bei allen Zuhörern an. Ob Lieder von der Großmutter, die täglich Kartoffeln oder Bohnen auf den Mittagstisch brachte, Liebeslieder vom ersten Kuss oder der Zwangsrekrutierung jüdischer Männer im Zarenreich - Stroms Geige weinte und lachte. Die rasch wechselnden Kontraste der Klezmer-Musik - Melancholie und Schwermut, aber im nächsten Moment Jubel und Heiterkeit - rissen die Konzertbesucher im "Posthotel Johannesberg" mit.
Beim Schließen der Augen entführte der Gesang von Elisabeth Schwartz, deren DNA-Spuren laut Yale Strom im Mittleren Osten zu finden sind, in die Gassen des alten Jerusalems. Das Akkordeonspiel von Peter Stand nahm mit an die Lagerfeuer der Roma. "I will hear you, Lauterbach! (ich will euch hören)", ließ sich das Lauterbacher Publikum zum Mitsingen des Refrains "Tumbala, tumbala, lei" verleiten. Am Vorabend in Berlin war es Elisabeth Schwartz nicht gut gelungen, wie sie berichtete. Obwohl das Trio auf vielen Bühnen imposanter Städte gastierte, fühlt es sich wohl im Vogelsbergstädtchen.
Zu den Klängen eines jüdischen Walzers empfahl Strom zu tanzen, damit die schweren, kalorienreichen Spezialitäten der Region auch verbraucht werden.
Yale Strom und seine Frau Elisabeth Schwartz und Peter Stand haben in Lauterbach Freunde gefunden, wovon die herzlichen Begrüßungen vor dem Konzert mit den Vorstandsmitgliedern zeugten. Henry Euler, der bekannte Lauterbacher Kinderbuch-Illustrator, hat ein Bild gemalt, das Yale Strom mit seiner Tochter Tallulah zeigt, das er der Familie überreichte, die es nach New York City mitnehmen wird.
Etwa auf das 15. Jahrhundert gehen die Ursprünge der Klezmer-Musik zurück. "Gefäß des Liedes" heißt die Übersetzung laut Lexikon.
Jahrhundertelang war Klezmer-Musik die traditionelle Festmusik der Juden in Osteuropa. Seit rund zwanzig Jahren erlebt diese Musik eine Renaissance rund um den Globus.
Das Trio der Klezmer-Musik durfte ohne Zugaben die Bühne des "Johannesbergs" nicht verlassen. Die erste Veranstaltung des Kulturvereins in diesem Jahr war ein voller Erfolg, der als vielversprechendes Omen für das Kommende gewertet werden kann.

 

Bilder: Krauss