SIGNUM – Blätter für Literatur und Kritik
4. Jg., Heft 2 Sommer 2003
Zwischen Rückzug und Zeitkritik
Gerold Effert über Martin
Krauss: "Vogelspur" (Gedichte)
Verlag DIE SCHEUNE, Dresden 2002, 88 S., ISBN
3-931684-70-9, 9,90 €
Von dem Erzähler und Lyriker Martin Krauss,
der im hessischen Lauterbach lebt und arbeitet, ist nach dem 1996
veröffentlichten Gedichtband "Außen Ton Innen Geräusch" vor kurzem
ein weiterer erschienen. Sein Titel: "Vogelspur"
Auf den ersten Blick spiegeln diese neuen Gedichte, die überwiegend in
freien Rhythmen geschrieben sind, die gedämpfte Tristesse einer kleinen Stadt
wider und fangen die wechselnden Stimmungen der Landschaft ein, etwa in
"Kleinstadtbahnhof": "Von der Welt sieht er/Nahverkehrszüge im
Nebel." Selbst die technischen Gegenstände erscheinen beseelt: "Milde
lächelt der Fahrkartenautomat." Und zuletzt zieht sich das lyrische Ich,
das hier in der dritten Person redet, zurück, während "mit unbestimmter
Verspätung/eine Krähe lacht, da/friert er ein wenig/und schließt seine
Tür."
Aber es bleibt nicht dabei, dass Martin Krauss
seine Umwelt ebenso genau wie sensibel erfasst und sprachlich gestaltet. In "Heimat" beispielsweise schlägt er deutlich
zeitkritische Töne an: Die Stadt ist für viele Menschen nichts weiter als
"eine Wohn- und Handelsgemeinschaft" und der Wald bloß "eine
Holzplantage": Der Autor weist diese entfremdete und nur auf den Nutzen
reduzierte Sicht der Stadt wie der Landschaft leise, aber entschieden zurück:
Er macht "einen Diener/vor dem Löwenzahn": In der abgerückten und
verstaubten Welt eines Archivs, in der die "Bäume numeriert" sind,
"das Vieh tätowiert/die Dachneigung normiert" ist, bricht sich in
einem auf bewahrten Brief überraschend und zugleich befreiend das Persönliche
Bahn.
In anderen Gedichten wird eine latente Bedrohung spürbar, unter der das Ich
leidet, etwa in "Gras": Die Anfangszeile "Mir passiert
nichts" wird wiederholt und kunstvoll abgewandelt; die Bilder von Mördern,
Wölfen und Frost reden jedoch eine ganz andere Sprache und zeigen, wie das
lyrische Ich seine Ängste vergeblich zu beschwichtigen versucht und seine
Zuversicht fragwürdig bleibt.
Wiederholung und Variation: Das sind die stilistischen Mittel, mit denen Martin Krauss viele seiner freirhythmischen Gedichte
strukturiert. In anderen gestaltet er seine Verse mit Alliteration, manchmal
auch mit ironisch eingesetztem Ringschluss. Und gelegentlich setzt er, wenn
auch sparsam, den Endreim ein, etwa in "Der Tag". Die Kälte der Welt
— und vor allem der heutigen — wird besonders eindringlich in Wintergedichten
dargestellt, so in "Das Weiße" "Der Winter hat dich ganz
eingehüllt./In deinen Augen weint der Wind." Dem Einzelnen bleibt nichts
anderes übrig, als sich in seine private Welt zurückzuziehen.
In seinem neuen Gedichtband schlägt Martin Krauss
einen eigenen Ton an, den der Leser wiedererkennen wird; hier spricht eine
lyrische Stimme, die aufhorchen lässt und von der auch in Zukunft viel zu
erwarten ist.
Hinweis: Der Verlag "Die Scheune" Dresden hat inzwischen
seine Untätigkeit eingestellt.
Das Buch ist deswegen nicht mehr im
VLB, man kann es nur noch direkt bei mir bestellen.