Reime und mehr - Martin Krauss' Lyrikdebut
Spätestens seit den siebziger Jahren ist es in Mode gekommen, gereimte Gedichte unmöglich, zumindest suspekt zu finden. Eine chaotische und unsichere, eine `ungereimte´ Zeit sei keine Zeit für Reime.
Ganz abgesehen von den reimwütigen Gebilden so `ungereimter´ Zeiten wie der des Barock oder Expressionismus empfehle ich den Reimgegenern - und nicht nur Ihnen - den Gedichtband "Aussen Ton Innen Geräusch" des Lauterbachers Martin Krauss aufs wärmste. Hier schreibt, hier dichtet, hier reimt einer zuweilen mit solcher Virtuosität und zugleich Lakonie, daß es eine Freude ist. Verse wie ,,Unten wird Säugling trocken gelegt / Oben stirbt Vater - hat er gelebt?" oder ,,Endloses Deuten Vergleichen / treppauf, treppab / ewige Fragen / jeder muß tragen / das Grab / die Leichen" zeigen schon, daß hier nicht von naiven Reimereien die Rede ist, sondern von Texten, die wissen, daß sie sich einer "graueren Sprache" (Paul Celan) zu bedienen haben, wollen sie glaubwürdig, nicht wirklichkeitsblind sein.
Auch liedhafte Texte wie "Juli" oder "Der Müllerssohn", die formal in der Tradition der Romantik stehen, findet man in dem Band. Texte, die, nur weil sie deutlich in einer Traditionslinie stehen und zu ihr hinübergrüßen, nicht schon epigonal sein müssen. Ganz im Gegenteil, gerade durch die formale Nähe dieser `Lieder´ zu einer vergangenen Zeit merkt man den Bruch, der ihnen eine eigene Melancholie gibt. Auch die Paradeform der Barockzeit, ein Sonett, adressiert an den bekannten Barockkomponisten Antonio Vivaldi, ist neben anderen Komponistengedichten zu finden. Das klingt nach Bildungsbürgertum und Kunsthandwerk, mag der Skeptiker einwenden. Da hilft nur eins: selber lesen.
Martin Krauss zeigt sich in Gedichten wie "Das Auge des Tänzers" als ein sensibler Wald-, Feld- und Wiesengänger, dem es genügt, eine Telegraphenleitung zu sehen (selbst die ja schon fast ein Relikt, das dank unterirdischer Glasfaserkabeln mehr und mehr aus unseren Landschaften verschwindet), um Nächstes und Fernstes miteinander zu verbinden: ,,Ein Auge hängt / am Telegraphenmast / Brieftauben halten / auf ihm Rast / Der Draht läuft weiter / um die Welt / Der Weg läuft / um ein Haferfeld". Hier ist gesagt, was mit dieser Prägnanz nur im Gedicht gesagt werden kann.
Doch Martin Krauss’ Gedichte `nur´ auf Gereimtes zu `reduzieren´, wäre ungerecht, finden sich in dem Band auch viele freiere Formen, denen man aber durch das an den gebundenen Texten erprobte Formbewußtsein im Gegensatz zu vielem, was sonst als Gedicht daherkommt (was aber in Wirklichkeit zeilengebrochene Prosa ist), anmerkt, warum sie denn wirklich Gedichte sind. Eines der für mich schönsten Gedichte des Bandes, "Kenntnis", ist gerahmt durch das Verspaar "Ein Stuhl ist schön / eine Blume auch". In diesem Text wird der Versuch unternommen, sich einfacher Dinge und Begriffe zu versichern, aber es kommt eine Gegenstimme zu Wort, die vor zu großer Selbstsicherheit bewahrt: ,,Freiheit ein Vogelruf / der das Revier markiert". Und am Schluß, trotzdem, wieder: "Ein Stuhl ist schön / eine Blume auch".
Egal also, ob man den leisen, melancholischen Liedton in ,,Der Müllerssohn", ob man die feine Ironie in "Ein Schritt", die apokalyptische Vision von "Der brennende Berg" oder die Kamine wie Holz fällenden Förster in "Einschlag" als `seine´ Texte entdeckt, eine Entdeckungsreise ist dieser formal wie inhaltlich so reiche Gedichtband von Martin Krauss auf jeden Fall wert.
Lobend zu erwähnen ist auch die schöne Ausstattung des im Wilfried Eppe-Verlag erschienenen, fadengehefteten Pappbandes. Und das zu einem Preis, bei dem die großen Verlage nur Abreißkalenderähnliche Taschenbücher zu bieten haben.
Martin Krauss: "Aussen Ton Innen Geräusch". Wilfried Eppe Verlag, Bergatreute, 1996. 84 Seiten, ISBN 3-89089-244-2, 9,90 € .
(Michael Kapellen)