"Von Frauen auf Kaufhausrolltreppen"

Der Titel der Sammlung läßt nicht erwarten, was sie einlöst, denn der Autor erzählt von Männern wie von Frauen, von Flüssen und Straßen wie von Kaufhausrolltreppen. und von Verborgenem und Hintergründigstem dazu.

Martin Kraussens gewandte Erählkunst erweist sich vielfältig; seine scharfe und treffsichere Beobachtungsgabe bedient sich statistischer Methoden (Kaufhausrolltreppen) und weiß auch fantastisch abzuheben (Das Fest), sie erfindet sich Wort- und Sprachspiele (Der fünfte Wagen) und konfrontiert den Leser mit Begegnungen aus der Welt der Mythen (Die eine und die andere Seite).

Wer zum Beispiel das Märchen von der schönen Nixe Melusine einmal anders, in der Fassung gegenwärtigen Bewußtseins, lesen möchte, der sollte eben diese "Eine und die andere Seite" aufschlagen, und wer in der Realitätsschilderung bisher vergeblich nach Poesie gesucht hat, der ist mit "Ankunft" und "Chronokratie" gut beraten, wobei er in letzterer Erzählung das Protokoll eines Arbeiterlebens findet, das das Einerlei des Arbeitstages und den alltäglichen Berufsweg dorthin kunstfertig synchronisiert und als totale Verplanung des Individuums entlarvt.

Heikel das gelungene Unterfangen des Autors, den Ausbruch einer manifesten Psychose zu beschreiben (Der Grund) Die Vorstufe dazu liefert Krauss im Gefängnis eines doppelbödigen Bewußtseins (Der Schrei). Mit virtuoser Pointe behandelt die Wespe den schmerzhaften Qualitätssprung zwischen der Todesnähe eines alten Menschen und der eines Kindes in den Augen der Öffentlichkeit. Und die mathematische Darstellung der Unendlichkeit dient als literarisches Medium bei der Absicht, den Vorgang des Lesens und die Existenz des Gelesenen auseinanderzuhalten und miteinander zu verknüpfen (Vom Lesen am Fluß).

Also ist Martin Krauss ein postmoderner Tausendsassa, wie er im Buche steht? Die Frage wäre mit Ja zu beantworten, wenn dieses heutzutage geläufige Bild vom Autor nicht in unüberhörbare Botschaften und unabweisbare Inbesitznahme ausuferte, schriftstellerische Zielsetzungen, die man eher der klassischen Moderne unterstellte.

Botschaften: Krauss tritt mit einer gesellschaftlich solidarischen Leistung hervor, die mit dem Terminus der, von der Sozialpsychologie weidlich strapazierten "Lebenshilfe" treffend umrissen ist. Inbesitznahme: Kraussens suggestive Dialoge lassen dich zu ihm ins Auto steigen und deine Umwelt in diesem Allerweltsvehikel erleben wie noch nie (Der fünfte Wagen), und zuvor stehst du mit dem Autor per Anhalter an der Autobahn und zitterst an seiner Seite vor Kälte, bis du meinst, Halsschmerzen zu verspüren (Die Kälte).

Was bedeuten schon knappe hundert Seiten Gedrucktes — und welche Palette vermögen sie zu bergen: Ein sehr lesenswertes Buch.

Jörn Thiel über "Von Frauen auf Kaufhausrolltreppen", edition sisyphos, Köln 1995, ISBN 3-928637-10-X, 10,- €