Der Glanz aller Dinge - Erzählungen von Martin Krauss
"Wohin führte das Kind den Mann?" Mit dieser Frage beginnt die erste der fünfzehn Erzählungen von Martin Krauss, die unter dem Buchtitel "Glanz" im Kölner Verlag "edition sisyphos" erschienen sind. Der Erzähler der Geschichte folgt einem Kind und einem Mann, der in seinen grotesken Bewegungen für den Betrachter immer mehr zum "Vogelmann" wird. Der Weg ist beschwerlich, ähnlich dem im Märchen, der nach bestandener Bewährung die Erlösung bringt. Psychologisch einfühlsam sind die Figuren dargestellt, bildhaft eindrucksvoll die Landschaft, durch die der Weg führt.
Die Texte von Martin Krauss zeichnen sich durch sprachliche Dichte aus, durch die unäblässige Suche nach jenen Worten, mit denen die allgegenwärtige Entfremdung der Sprache vom wahren Sein der Dinge und ihren Erscheinungen überwunden werden kann. Das ,,Bedürfnis nach Darstellung des Eigentlichen im sogenannten Wichtigen", wie Martin Krauss eine seiner Figuren empfinden läßt, ist durchweg in den Erzählungen zu spüren. Spektakuläre Ereignisse, die im herkömmlichen Sinn als spannend gelten, liegen den Geschichten kaum zugrunde. Vielmehr gehen sie dem Leben im fast Unsichtbaren nach - und das heißt ,,Gehen in Spuren". Diese berühmte Definition Thomas Manns beschreibt am bündigsten, was in den Erzählungen von Martin Krauss geschieht.
Wer sich auf die Texte einläßt, gerät in eine Erzählwelt, die auf eine andere Weise spannend ist. Da wird eine andauernde Verschiebung vom Handeln ins Denken betrieben. Die Figuren selbst geraten von der Aktion in ein Sinnieren, dem keine Grenzen gesetzt scheinen. Das übliche Verhältnis von Tat und Betrachtung wird hier fast umgekehrt. Leserinnen und Leser werden in Gedankengänge hineingezogen, die zuweilen exzentrisch wirken, sich aber in vertrauten Konstellationen und zumeist auch an bekannten Schauplätzen abspielen. Außen- und Innenwelten gehen fast unmerklich, in raschen und fließenden Wendungen ineinander über. ,,Eine Schwingung ging von der Bewegungslosen aus", heißt es da in einer der Miniaturgeschichten, die zu dem Zyklus ,,Sie geht" gehören - und selbst hier in äußerster Reduktion der Sprache wird deutlich, daß das sichtbare Erscheinungsbild die inneren Empfindungen ausstrahlt.
Unter dem Titel ,,Episode" ist zunächst eine Veranstaltung ,,im Dienst des kollektiven Gedächtnisses" der Ausgangspunkt der Erzählung. Der als ,,Zeitzeuge" geladene Erwin Fuchs kommt dabei jedoch ins Grübeln und seine Gedanken nehmen, entgegen der allgemeinen Erwartung, einen ganz anderen Verlauf. Erwin Fuchs kommt schließlich zu der Erkenntnis, daß seine persönliche Leidenszeit ,,nichts als eine Episode in einer ewigen Folge von Gewalt, Verbrechen, Elend und Not" ist. So kurvenreich und zugleich pointiert die Erzählungen von Martin Krauss auch sind, so kalkuliert sind auch die Wiedererkennungseffekte, die immer wieder in einen neuen und überraschenden Zusammenhang gestellt werden.
Verknappung und Verdichtung der Sprache sind Stilmittel moderner Erzählkunst. Das Aufgreifen bewährter Gestaltungsmuster in der Literatur ist legitim. Entscheidend jedoch ist die Eigenart der neuen Inszenierung. Martin Krauss greift auf überkommene Erzählweisen zurück, denn er weiß, daß nur Dilettanten meinen, in Kunst und Literatur alles neu erfinden zu müssen. Kaum treffender als in der Erzählung ,,Grauer Beton" läßt sich ausdrücken, was Bewahrung und Innovation bewirken können: ein Mann entdeckt eine abgestellte Beton-Plastik und setzt sich mit ihr auseinander, um das ,,wirkliche Eigentliche" herauszuarbeiten, ,,damit durch die Beschäftigung mit diesem Kunstwerk sein eigenes Kunstwerk in seiner Vorstellung Gestalt gewinnen könnte."
Die Erzählungen von Martin Krauss sind Sprachkunstwerke, die viele Register ziehen. Sie sind einfühlsam, geschmeidig - und zuweilen von unerwarteter Komik. Respektvoll und sensibel geht der Autor mit seinen Figuren um, für die Äußerlichkeiten weniger bedeuten, als der ,,Glanz der Dinge" und die Ausstrahlung, die von ihnen ausgeht. - ,,Glanz" ist dann auch der Titel des Buches, für das Heinz Seibert nicht nur das Titelbild, den ,,silberfarbenen Tropfen" schuf. Vielmehr zeigt er in fünf Federzeichnungen, daß ihn die poetische Prosa des Autors erneut zur künstlerischen Gestaltung von Augen-Blicken inspirieren konnte.
Ein Buch mit erzählerischem Glanz in reizvoller Ausstattung.
Martin Krauss: "Glanz" (Erzählungen), edition sisyphos, Köln 1998, ISBN 3-928637-24-X, 204 Seiten, 5 Illustrationen, 13,- €.
Annegret Wiesemüller